Anorexie nach der Klinik

Der Körper ist gesund – der Kopf nicht

Insgesamt drei Monate war meine 15-jährige Tochter in einer Spezialklinik zur Behandlung ihrer Anorexie Nervosa (Magersucht). Wir sind mit der Klinik, dem Verlauf und der Betreuung sehr zufrieden. Natürlich soll das kein Ort sein, an dem man gerne jederzeit wieder hingehen möchte, sonst würde man den Kampf gegen die Anorexie wohl nicht ernsthaft verfolgen. Ich habe keine Ahnung, was ich persönlich als Endergebnis erwartete oder was ich erwarten konnte. Mein Kind hat weitere Therapien, außerhalb der Anorexie-Behandlung, konsequent abgelehnt. So blieben die trüben Gedanken und die Sozialphobie und kamen wieder mit zurück nach Hause.

Meine Tochter lief wie ein Musterschüler durch die Therapie. Sehr ungewöhnlich und auf keinen Fall eine normale Anorexie-Patientin, sagte man uns bei jedem Gespräch. Chiara bestand auf alle Ankündigungen und wehe sie trafen nicht ein. Sie war regelrecht sauer auf das Klinik-Team, als sie zu Beginn einfach nur steil zunahm und die Gewichtsschwankungen ausblieben. Erst als diese tatsächlich eintrafen (und ich fast in ein tiefes psychisches Loch fiel), beruhigte sie mich und meinte „Mama, das ist alles ganz normal. Die haben gesagt, das wird kommen. Das passt“. 

40 Bücher in drei Monaten hat sie gelesen. Bei Buch Nummer 37 erzählte sie mir von ihrem Plan. 40 Bücher sollten es werden bis sie wieder nach Hause kommt. Ich kann nicht behaupten mein Kind hätte keinen Ehrgeiz. Wir reden hier auch nicht von kleinen Büchern. Nein, richtige Wälzer und das auch noch weitgehend auf englisch. Schon beim Einzug in die Klinik hat sie uns klar gemacht, dass sie hier keine sozialen Kontakte knüpfen müsse vor lauter Langeweile, da sie ja ihre Bücher dabeihatte. Wahrscheinlich war sie der einzige Patient, der jemals mit mehr Büchern als Klamotten in die Klinik einzog.

Zurück zur Stammschule

Die letzten 2,5 Wochen (in der Haltephase) holte ich meine Tochter am Morgen aus der Klinik ab und fuhr sie zu ihrer Stammschule. Es war ein langsames zurück in die Normalität. Nur halbe Schultage und erstmal Mittagessen in der Klinik. Alles relativ pünktlich. In der zweiten Wochen gab es einen langen Schultag zum Testen. Klappt das mit dem Mittagessen in der Schule? Wie fühlt sie sich dabei? Wie verhalten sich ihre Mitschüler?

Die Woche drauf hatten wir zwei lange Tage und in der letzten Woche kam sie dann auch nach Hause und konnte den Schulalltag wie gewohnt meistern. Wir hatten die Zwischenmahlzeit und das Frühstück getauscht. Brote, Ei und Apfel lässt sich leichter transportieren als ein Müsli mit Milch. Es klappt gut. 

Die Mitschüler verhalten sich ruhig. Keine komischen Aussagen, kein Nachbohren. Sie ist einfach wieder da. Das Gespräch heute mit der Lehrerin lief sehr gut. Sie scheint angekommen zu sein. Sie macht einen zufriedeneren und glücklicheren Eindruck als im letzten Schuljahr.

Meine Tochter musste nie wirklich lernen. Bis zur 9. Klasse. Das das passieren würde, hat mir eine frühere Lehrerin schon prophezeit. Das muss in Chiara zu Depressionen geführt haben. Sie bekam Selbstzweifel, hatte es doch vorher immer alles so gut und einfach geklappt. Sie musste sich alles nur einmal durchlesen und in der Schule gut zuhören. Das hat gereicht.

Nun war das vorbei. Die Noten gingen in den Keller. Schellte gab es von uns nicht. Wir wussten Chiara nervte das mehr als uns. Um Nachhilfe kümmerte sie sich nicht. Hochsensible, hochbegabte Kinder fallen anders. Sie denken und bewerten anders. Sie fühlen sich schnell als Last. Wollen nicht auffallen.

Der neue Alltag

Das Mittagessen unter der Woche hat sich von 12 Uhr auf 13 Uhr bzw. 13.30 Uhr verschoben. Natürlich achte ich darauf, dass das Essen schon fertig ist, wenn sie an den kurzen Tagen nach Hause kommt. Wir besprechen den Wochenplan fürs Essen. Ich habe eine App gefunden, in der es gute Rezepte gibt, in denen die Kalorienangaben stehen. So kann sie an den Wochenenden für uns kochen (diese neue Liebe hat sie durch die Anorexie entdeckt) und sie kann die Portionsgrößen für sich besser abschätzen. Das gibt ihr Sicherheit in dieser herausfordernden Zeit.

Jeden Donnerstagmorgen fahren wir zum Kinderarzt zum Wiegen. Das Gewicht hält sie wie eine eins. Ihre Periode kam mit 49,5 Kg wieder. Was für uns ein deutliches Zeichen war, dass sie ein gesundes Gewicht erreicht hat. Beim Auszug aus der Klinik musste Chiara einen Vertrag unterzeichnen. Sie geht wöchentlich wiegen bei über 50 Kg, zweimal die Woche unter 50 kg und bei einem Gewichtsabfall auf 48 kg ist eine erneute Vorstellung in der Klinik vereinbart. Sie hält sich bei 50,4 kg konstant. Einmal die Woche geht es auch zum Psychologen. Somit ist meine Woche auch schon ordentlich gefüllt.

Sie hat sich auf eine Kalorienzufuhr von 2.500 Kalorien eingependelt. Fünf Mahlzeiten am Tag. Frühstück und Abendessen sehen immer gleich aus. Zwei Vollkornbrote mit Frischkäse, je eine Scheibe Käse mit Tomaten dekoriert, ½ Apfel und ein hart gekochtes Ei. Die Zwischenmahlzeiten variieren, zumindest das am Nachmittag. Um 10 Uhr isst sie ihr Müsli mit Milch und die zweite Hälfte des Apfels.

Neue Herausforderungen

Unser Weihnachtsshopping verlief anders als die Jahre davor. Wir klapperten zuerst alle Restaurants im Center ab und erst als feststand, wann und wo wir essen werden, haben wir unseren Einkauf begonnen. Und so finden auch alle anderen Aktivitäten statt oder man geht eben nicht, weil es nicht passt. Chiara aus unserem Leben auszugrenzen, kommt für uns einfach nicht in Frage. Wir würden sie nie zurücklassen, würden sie aber auch nicht zwingen sich uns anzupassen. Wir gehen die Sache langsam an. Natürlich kommt es immer wieder mal zu Kabbeleien, wegen dem Essen. Chiara versichert mir aber immer wieder, dass sie das nicht macht, um uns zu ärgern, sondern, weil sie es einfach noch nicht kann.

Wenn ich merke, dass sie jetzt gerade über ihre Anorexie für einen von uns hüpft, lobe ich sie und bedanke mich von Herzen bei ihr. Das soll ihr Mut machen, weiter daran zu arbeiten und zeigt ihr, dass ich ihre Bemühungen sehr wohl erkenne. Immerhin ist sie gerade mal zwei Monate aus der Klinik zurück und sie kam genau zur Weihnachtszeit nach Hause. Es gibt keine ungünstigere Zeit im Jahr, die schlechter zu einem geregeltem und gemäßigten Essen passt, als die Weihnachtszeit.

Das Leben mit einem Anorexie-Kind ist anstrengend

Die Feiertage mit Anorexie überleben

Ferien, Weihnachten und Silvester. Die Hölle auf Erden für jeden Anorexie-Patienten. Es schreit förmlich nach Belastung und Herausforderungen. Es war ein Meisterwerk von uns und ich bin ganz ehrlich – ich habe mir Anti-Depressiva verschreiben lassen. Ich saß kurz vor Weihnachten nur noch heulend auf der Toilette. Es war einfach alles zu viel. Chiara und die Anorexie, Collin mit der AVWS, Conner mit den Hausaufgaben, meine berufliche Situation und weitere dumme Belastungen. Ich hatte große Bedenken, ob ich die nächste Zeit überleben werde oder nur noch heulend in meinem Bett liegen kann.

Die Tabletten haben nicht sofort angeschlagen, aber ich fühlte mich trotzdem sofort besser. Einfach weil ich wusste, es wird mir auch geholfen. Jemand (meine Ärztin) ist da für mich – Danke Jelena. Ich muss nicht nur für alle anderen Stark sein, ich darf mir auch Hilfe holen.

Und was soll ich sagen? Wir haben sie überlebt – die Feiertage und die Ferien. Mit allen Herausforderungen durch verspätetes Essen und sogar zweimal Essengehen und zweimal Raclette. Zwar teilweise mit Waage und gestresstem Gesicht, aber sie hat es gemeistert. Ich bin wirklich super stolz auf meine Tochter und auch auf mich.

Der Körper ist gesund – der Kopf nicht

Wenn ich gefragt werde, wie es meiner Tochter denn geht, sage ich: „der Körper ist gesund, der Kopf aber nicht“. Als Chiara die 47,5 Kg erreichte sah sie von einer Woche zu anderen schon wieder viel gesünder aus. Als dann auch endlich mit 49,5 kg ihre Periode wiederkam, wusste ich: das ist der richtige Weg.

Klar hat mein Kind gejammert und meinte sie sei zu dick, aber wir haben sie mit neuer Kleidung eingedeckt, so dass nichts mehr zwickte, aber auch nichts schlabberte (außer es sollte). Sie wollte in ihrem neuen altersgerechten Stil angezogen erscheinen. Sie macht dreimal die Woche Sport Zuhause, damit alles schön stramm ist und der Anorexie-Bauch schnell wieder verschwindet (ganz ehrlich, ich sehe keinen Bauch). 

Es geht. Es gibt viele gute, aber natürlich auch einige schlechte Tage. Medikamente, zur Stimmungsaufhellung, will sie bis heute nicht einnehmen. Vielleicht finden wir aber noch was Homöopathisches. Wir befinden uns jeden Tag auf Glatteis mit ihr. Motivieren, aber nicht überfordern. Ihre Grenzen akzeptieren, aber auch aufzeigen wo unsere Grenzen sind.

Mein Fazit

Mal ehrlich: Es ist relativ einfach Eltern zu sein, wenn die eigenen Kinder problemlos durch die Kindheit gehen. Kompliziert wird es erst, wenn unsere Kinder und vor Herausforderungen stellen. Dann verbiegen wir uns. Wir suchen nach Gründen, wir haben Zweifel, wir fragen uns nach Schuld, wir suchen passende Veränderungen. Wir hoffen auf Besserung. 

Wenn ich Chiara anschaue, wenn sie erzählt, lacht und malt (sie kann so wahnsinnig toll zeichnen/malen) dann glüht mein Herz. Mutterliebe ist für mich endlos. Ich würde meinen letzten Atemzug für meine Kinder geben. Sie sind jedes Leiden wert. Jeden Weg würde ich für sie gehen, wenn es ihnen danach besser geht.

Ich habe bereits zwei weitere Blogs zu unserer Geschichte geschrieben. Sicherlich werde ich noch einen weiteren Blog zum Thema Magersucht (Anorexie) in einigen Monaten schreiben.

Bis dahin wünsche ich allen Anorexie-Patienten und -Eltern viel Kraft, Durchhaltevermögen und Liebe. Wir schaffen das.

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