Wie heißt es so schön? Kleine Kinder – kleine Sorgen, große Kinder – große Sorgen. Ich kann mich diesem Satz nur anschließen. Genau so ist es. Meine geliebte Tochter wurde dieses Jahr süße 15 Jahre alt. Eigentlich ein schönes Alter. Dachte ich zumindest. Doch die Probleme meiner Tochter bewirken bei mir regelmäßige Reisen zurück in meine eigene Kindheit. „Das Leben wiederholt sich immer wieder“ höre ich da meine Oma zu mir sagen. Sie hat scheinbar recht. Auch wenn ich sicherlich einiges anders gemacht habe als meine Mutter, so haben wir doch auch einige Verläufe in unserem Leben die sich sehr ähneln. 

Mit meiner Tochter geht es mir genauso. Mit 14 hatte sie sich geritzt. Es war ein großer Schock für meinen Mann und mich. Ich hatte mir wirklich nichts dabei gedacht, als sie lange Hosen im Sommer trug. Ich dachte, sie wäre zu faul zum rasieren gewesen. Was gut zu ihr gepasst hätte. Man möchte auch nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Ja keine Helikopter-Mutter sein. Desto härter traf mich ihre Aussage in ihrer Beicht-Nachricht, dass ich das sicherlich schon gewusst hätte. Sie hat mir in ihren Augen klare Signale gesendet und ich habe sie nicht verstanden. Diese Tatsache hat bei mir sämtliche Zweifel hervorgerufen, ob ich eine gute Mutter bin.

Der Auslöser

Als mein Kind im Februar diesen Jahres wütend ihren Schrank leerräumte, da sie scheinbar in nichts mehr hineinpasste, sagte ich „Na ja, vielleicht solltest du darüber nachdenken, ob du dich mehr bewegen solltest, statt jeden Tag nach der Schule mit Schokolade im Bett zu liegen, dann könnten die Sachen noch passen.“ Ein Satz, den ich heute nicht mehr sagen würde – auch wenn er nicht böse gemeint war. Sie hatte sich nur so sehr verschanzt. Ging selten raus und traf sich so gut wie nie mit Freunden. Ich meinte es nur gut. Wie sicher meine Mutter schon zu mir Dinge sagte, die sie nur gut meinte und die komplett in die Hose gingen.

Meine Tochter begann an diesem Tag ihre erste Diät. Mit 59 KG und 1,62 m Körpergröße. Sie war nicht dick, sie war völlig normal. Zumindest in meinen Augen. Ich begrüßte aber die Aktivitäten, die sie auf einmal startete. Fahrrad fahren, Spazierengehen mit den Hunden, Treffen mit Freunden, Sie zog sich hübsch an, ging öfters duschen, ging gerne mit mir in die Stadt zum Bummeln, schnitt ihre langen Haare zu einem frechen Bob. Es war herrlich zu sehen wie viel Lebensfreude auf einmal in ihr war. Es schien perfekt. Bis zu diesem einen Tag im Mai. 

Ich kann mich noch genau an jenen Tag erinnern. Ich stand am Herd und kochte. Die Dunstabzugshaube dröhnte in mein Ohr, der Geruch von leckerem Essen lag in der Luft. Sie kam zur Türe herein und stellte sich neben mich und meinte: „Mama, ich bin jetzt bei 51 KG. Mir reicht das so. Ich höre jetzt auf mit der Diät.“ Ich sah sie an und musste lächeln. Ich war so stolz auf meine Kleine. Bildhübsch stand sie da, mit ihren braunen Reh Augen und ihrem Pocahontas Teint, ihre Haare fielen nach vorne als sie den Topfdeckel hochnahm und sie in den Topf lugte. Sie hatte ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. „Na klar mein Schatz, das passt super. Ich denke auch, dass du jetzt gut aufhören kannst weniger zu essen.“

Sehr schlankes Mädchen / Bild von Tumisu auf Pixabay

Und dann kam alles anders

Es hörte sich leicht an und es kam ganz anders als gedacht. Richtig bewusst wurde mir das Problem, als sie mir in einem Gespräch, wieder in unserer Küche beim Kochen, ganz nebenbei sagte: „Mama weißt du, es gibt so viele Bücher über Diäten, aber keines über das Halten von Gewicht nach der Diät! Wie soll ich wissen wie das geht?“ Da wurde mir bewusst: Houston – Wir haben ein Problem!!

Ich habe versucht sehr vorsichtig mit dem Thema umzugehen. Wir haben gewogen, das Essen abgewogen, wir haben den Kalorienbedarf berechnet, haben Essenspläne für die Woche erstellt, sind gemeinsam einkaufen gegangen und haben gemeinsam gekocht. Ich hatte einige Wochen das Gefühl, wir könnten es schaffen, bis ich sie im Badezimmer gesehen hatte. Nackt. Dieses Gefühl wie sich mein Hals zusammenzog und mein Herz anfing vor Panik zu rasen werde ich nie mehr vergessen. Noch nie habe ich mein Kind so dürr gesehen – und es sollte leider noch nicht das Ende sein.

Meine Tochter war bei 45,5 KG als ich beschloss unseren Kinderarzt hinzuziehen. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war hilflos und ratlos und vor allem furchtbar verzweifelt. Meine Familie und einige Freunde kamen mit banalen Vorschlägen und meist war ihr Zuspruch für mein Kind eher Belastung als Ansporn. „Iss doch Kind, du fällst noch von den Knochen“, „Mei! Findest du das noch schön? So dünn??“. Ich musste sie von Übernachtungen zurückholen, weil sie keine Waage hatte und das Essverhalten der Familie ihrer Essgewohnheit komplett entgegengesetzt war.

Ich wollte die Situation so gerne entlasten und rief meine Mutter an, ob sie ihr eine Waage bringen könne, um meinem Kind zumindest etwas Sicherheit zu geben und ihren Aufenthalt zu genießen. Alles eskalierte. Mein Bruder beschimpfte mich, meine Tochter hätte nichts gesagt und sie hätten auch eine Waage, keiner hätte mein Kind gezwungen zu essen, usw. Sie verstanden es einfach nicht. Anorexie versteht nur, wer sie selbst erlebt oder mit ihr gelebt hat. Es ist eine andere Hölle.

Ich holte ambulante Hilfe an Board

Die nächsten Wochen waren wir regelmäßig jeden Mittwochmorgen beim Kinderarzt. Bei unserem ersten Besuch hatten beide eine Vereinbarung getroffen. Gewicht halten, aber das Ziel auf 49 Kilo zu kommen und sie sollte 1.800 Kalorien am Tag zu sich nehmen. Sie nickte fleißig und meinte „OK!“. Das das alles nicht so einfach war und das „OK“ nur Show musste ich schon bald feststellen. Die Psychologin für Ess-Störungen hat dazu noch einen Depressions-Fragebogen mit ihr ausgefüllt. Das Ergebnis: erschreckend und ernüchternd. Die Ess-Störung (Anorexie) schien immer mehr die Verlagerung des Ritzens zu sein. Kontrolle über den eigenen Körper über einen anderen Weg. 

Kalorienzählen / Bild von Steve Buissinne auf Pixabay

In den Sommerferien nahm das Ganze seinen Höhepunkt. Zumindest für mich. Wir wollten mit den Hunden spazieren gehen. Mir fiel auf, dass sie seit einigen Tagen ihr Magnum-Eis nicht mehr gegessen hatte. Es sei ungesund, meinte sie zu mir. Aber es waren 300 wichtige Kalorien für ihren Körper. Es hinterließ Spuren. Sie läuft immer sehr zügig, daher lief sie vor uns. Ihre Oberschenkel hatten einen großen Abstand, Ihre Schulterknochen standen heftig hervor. „Ich könnte wetten, du hast schon wieder Gewicht verloren!“ meinte ich. Sie lief weiter. „Wenn das der Fall ist, muss ich dich leider in eine stationäre Behandlung geben.

Ich kann dir nicht beim Sterben zu schauen, das verstehst du doch, oder?“ höre ich mich sagen. „Ich will dir nicht zur Last fallen, Mama. Wenn du sagst, du kannst nicht mehr, dann muss ich wohl gehen“ sagte mein Kind. Den Weg nach Hause lief ich in meine Gedankenwelt versunken, schweigend hinter ihr her. Ich malte mir aus, wie es sein würde, ohne mein Kind Zuhause bei mir zu haben. Ich fühlte mich schlecht, dass ich nicht im Stande war ihr zu helfen und ich fühlte mich schlecht, weil ich mich fragte, ob das alles meine Schuld war. Immer wieder ging ich alle Gespräche durch. Ich hatte gesagt, sie solle sich mehr bewegen. Ich hätte still sein sollen.

Es war amtlich – Sie hat Anorexie

Zuhause angekommen, bat ich sie auf die Waage zu stehen. Es war kurz nach 12 Uhr am Mittag. Sie trug noch ein T-Shirt und hatte bereits gegessen. Sie war bei 43,9 KG, Sie hatte von Mittwoch auf Montag mindestens 1,5 Kilo verloren. Ich lief unter Tränen die Treppe hinunter und suchte an meinem Rechner die Telefonnummer unserer psychiatrischen Klinik. Ich rief an und erklärte unsere Situation. Am Freitag kam endlich der Rückruf und dem ersehnten Vorstellungstermin für den kommenden Mittwoch. Bei diesem Termin wurde eine Aufnahme auf der Station am nächsten Tag zwingend empfohlen und auch vereinbart. Zu hören, welche Konsequenzen eine Anorexie haben kann und wie wichtig ein frühzeitiger Therapiestart ist, war uns nicht bewusst.

Der menschliche Körper baut auf und bildet Reserven für das restliche Leben bis er 25 Jahre ist. Danach bauen wir nur noch ab. Wenn diese Reserven nicht gut gepolstert sind, zerfallen wir eben früher. Mir wurde ganz schlecht. Zumal meine Tochter nur eine funktionierende Niere besitzt. Ich fragte mich, ob wir mit Organversagen rechnen müssen oder das ihr kleines Herz keine Kraft mehr zum Schlagen haben könnte. Ich versuchte tapfer zu sein, während sie und ich immer wieder viele Fragen beantworten mussten.

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