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Unser Sohn (2009 geboren) bekam einige Wochen nach seiner Geburt komische Pickel am Körper, im Gesicht und sogar in der Nase. Die Ärzte meinten, es könnte Baby-Akne sein. Wir haben verschiedene Cremes und Lotion ausprobiert, um gegen diese Pickel und die immer trockenere Haut vorzugehen. Collin hat enorm viel geschlafen. Man merkte, dass ihm etwas richtig viel Kraft kostete.

Er war kein Freund vieler Worte. Mit einem Jahr kam nicht mehr als Mama, Papa und Nuller (Schnuller) aus ihm raus, aber er konnte sich bereits alleine Brote schmieren. Er kam aus der Küche mit einem Brot auf seinem Teller. Wir fanden das wahnsinnig selbständig und toll. Heute wissen wir, dass es uns ein Warnzeichen hätte sein sollen.

Collin fiel mit etwas über einem Jahr beim Hüpfen von der Couch auf den Wohnzimmertisch und verletzte sich die Ohrmuschel. Es entstand sofort ein riesiger Bluterguss. Ich bin normalerweise nicht ängstlich, aber ich wusste, dass muss umgehend zum Arzt. Er wurde noch am selben Tag operiert, um das Blut aus der Muschel zu entfernen. Dabei wurden auch seine Ohren von überschüssigem Ohrenschmalz befreit. Denn wie es sich zu dem Zeitpunkt schon bestätigt hatte, hat er die erhöhte Ohrenwachs-Produktion von meinem Vater geerbt. Da Collin sehr klein war und dadurch auch seine Gehörgänge, waren seine Ohren sehr schnell verstopft und mussten regelmäßig gereinigt werden. Dann passierte das, was im Nachhinein ein sehr großer Fehler war: wir sind umgezogen.

Der Neurodermitis-Schub

Der neue Hautarzt kannte uns nicht und wollte uns die mittlerweile bewährte Cortison-Salbe noch nicht verschreiben. Er wollte Collin erst mal mit natürlichen Mitteln versorgen. An sich habe ich nichts dagegen, nur hatten wir ja schon alles durch. Es nervt mich als Mutter auch furchtbar, wenn meine Kinder als Versuchskaninchen dienen. Warum können gewisse Daten nicht auf der Krankenkarte gespeichert sein? So könnte man schneller nötige Informationen und damit Rückschlüsse ziehen. Natürlich ging dieses Experiment nicht gut. Es ging vorher ja auch nicht gut.

Collin saß eines Abends auf der Couch, wir hatten eine Ausziehcouch, auf der wir jeden Abend mit unseren Kindern gemeinsam kuschelten, stand auf und wollte seine Creme holen. Er hatte wohl Schmerzen. Braam schrie auf: „woher kommt das ganze Blut auf der Decke?“ Wir schauten auf Collin und sahen, dass seine Beine vom Po bis zum Knöchel komplett offen waren. Ich packte sofort ein paar Sachen zusammen und fuhren ins Krankenhaus. Collin musste eine Invasionsnadel gesetzt bekommen und erhielt darüber reines Cortison. Anders war ihm nicht mehr zu helfen.

Ich erklärte dem Arzt, was passiert war und den Stand unserer Informationen zu Collins Krankheitsbild. Wir hatten Glück im Unglück. Der führende Oberarzt war ein Spezialist für Neurodermitis. Er klärte uns sehr verständlich darüber auf, dass unser Collin unter Neurodermitis litt und er uns empfiehlt einen Kinderarzt aufzusuchen, der auch Allergologe ist. Mit dem neuen Kinderarzt gelang uns eine gute und erfolgreiche Therapie für Collin. Die Neurodermitis hatte sich weitgehend verwachsen, als er ungefähr drei bis vier Jahre alt war. Ich habe herausgefunden, dass Collin Stressneurodermatiker ist. Heute noch hat er sehr oft offene Füße. 

Wenn die Seele krank ist

Neben Collins Neurodermitis bemerkte ich, dass er sich sprachlich einfach nicht weiterentwickelte. Ich habe sogar eine Liste ins Esszimmer gehängt, auf der ich alle Wörter die Collin spricht, auflistete. Ich bemerkte, dass Collins Wortschatz stark schwankte. Er lernte neue Wörter und verlernte sie dann wieder. Natürlich gingen wir regelmäßig zum Ohrenarzt, aber Collin regte sich jedes Mal so sehr auf und ließ sie auf keinen Fall die Ohren sauber machen, dass er davon einen Neurodermitis-Schub auslöste. Selbst mein Mann hatte große Schwierigkeiten Collin fest bzw. ruhig zu halten.

Die Ärztin wollte ihn nicht verletzen und bot mir Tropfen an. Entweder hatte ich diese Tropfen aber nicht oft genug verabreicht oder sie waren nicht stark genug. Collin blieb mit seinem Wortschatz auf einem Minimum. Sein bester Freund im Kindergarten: ein Junge aus Polen. Er war frisch zugezogen und konnte noch kein Deutsch. Die beiden unterhielten sich mit Händen und Füßen, aber sie konnten es. Sie hatten unwahrscheinlich viel Spaß. Collin liebte es Cartoons anzuschauen. Die Sprache war ihm egal. Er lachte bei russisch wie bei deutschen oder englischen Cartoons.

Wenn ich ihm Bücher vorlesen wollte, was ich mit meiner Tochter in diesem Alter täglich machte, dann schaute er mir in die Augen und klappte das Buch zu. Zu dem Zeitpunkt hatte meine Familie eine sehr schwierige Zeit. Ich hatte gerade mein drittes Kind verloren und mein Mann kurz darauf seine Arbeitsstelle. Eigentlich der Grund für den Umzug. Es ging mir psychisch immer schlechter. Ich machte mir Sorgen um unsere Zukunft. Ich wollte nach Hause. Das machten wir dann auch im Juli 2012.

Neurodermitis

Wir kommen nach Hause

Wir zogen vorübergehend bei meinem Vater ein. Braam hatte einen neuen Job und ich wurde wieder schwanger. Im Dezember 2012 zogen wir nach Heilbronn in unser neues Zuhause in dem wir heute noch leben. So langsam beruhigte sich unser Leben wieder zu einem normalen erträglichen Maß. Ich suchte nach den passenden Ärzten für meine Kinder und traf auf einen wunderbaren Ohrenarzt. Dr. Pepsi nannten wir ihn alle. Er hatte immer diesen einen Spruch: „Ist doch alles Pepsi“.

Dr. Traine schaffte es mit Wasserstofftropfen die Ohren von Collin frei zu bekommen. Collins erster Satz Ende Juli 2013 war (wir fuhren gerade in den Kindergarten): „Mama! Ohren auf!“ Ich hätte heulen können. Was ich später auch für mich ganz alleine getan habe. Mein Kind konnte endlich hören. Es standen die Sommerferien an und Collin plapperte, was das Zeug hielt. Er entwickelte einen enormen Drang so viele Wörter wie möglich zu lernen und zu nutzen. Die Grammatik war nicht ausgereift, aber mir war das egal. Den Ärzten natürlich nicht. Es folgten Sprachfrühförderung und danach Einzel-Logopädie, Tests bei einem Päd-Audiologen (ohne Befund) und regelmäßige Ohrenarzt-Termine. 

Im April 2013 wurde unser kleiner Conner geboren und ich nahm ihn schon immer zu allen Untersuchungen mit. Auf keinen Fall sollte sich Collins Schicksal noch einmal in unserer Familie wiederholen. Conners Ohren sind ebenfalls nicht 100 %, aber seine Sprachentwicklung war normal. Dr. Traine erklärte mir, dass Collins Ohren (er war damals 6 Jahre alt) für seine Vorgeschichte sehr gut seien. Die Gehörgänge sind mittlerweile so groß, dass das Ohrenwachs kein Problem mehr für ihn sei.

Der Vorteil der blockierten Ohren sei allerdings gewesen, dass Collin dadurch keine Mittelohrentzündungen bekam. Denn Collin hatte Belüftungsprobleme, genauso wie sein kleiner Bruder. Conner musste sich mit mehreren Mittelohrentzündungen und Paukenergüssen plagen. Daher haben wir ihn mit 2 Jahren Paukenröhrchen einsetzen lassen.

Mein Kind hat kein ADS

Als Collin 5 war und die Vorschule besuchte, musste ich tagtäglich mit ihm diskutieren, ob er in den Kindergarten gehen muss oder nicht. Er wendete auch alle Tricks an, die ihm einfielen. Er wolle Zeit mit mir verbringen, da ich ja nicht so viel Zeit habe wegen Conner und Chiara. Bauchschmerzen und Kopfschmerzen waren im Wechsel angesagt. Alles hielt bis 9.30 Uhr, danach ging es wieder blendend.

Er meinte, der Kindergarten sei so laut und so langweilig. Der Kindergarten wiederum sagte mir, er spiele sehr gerne wenn er da ist und er sei nie gelangweilt. Wir vereinbarten ein Heft zu führen in dem Collins Aktivitäten verzeichnet werden sollten. Wir wollten herausfinden, warum er einfach nicht in den Kindergarten wollte. Es brachte nichts. Bei der Einschulungsuntersuchung waren wir uns immer noch unschlüssig, ob wir Collin zurückstellen, ihn auf eine Förderschule, auf eine Schule mit Inklusionsklasse oder einer normalen Regelschule schicken sollten. Nichts schien wirklich für ihn passend.

Collins Ergebnisse in der Schule waren von Beginn an mittelprächtig

Mein Mann erinnerte sich daran, dass er auch Probleme in der Schule hatte. Er war leicht abgelenkt. ADS, Ritalin, heftige Kopfschmerzen, tägliche Unterstützung durch seine Mutter waren seine Erinnerungen an diese Zeit. Mir wurde langsam flau im Magen. Mitte des zweiten Schuljahres knallte es dann ordentlich. Collin sollte bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle vorstellig werden. Die Lehrerin war verzweifelt und konnte sich nicht mehr weiterhelfen. Die Intelligenz sei da, aber der Wille einfach nicht.

Die Tortur begann. Hausaufgaben-Nachhilfe zwei bis dreimal die Woche, damit normale durchschnittliche Ergebnisse möglich waren. Manche Tage liefen super. Die Ergebnisse in der Schule waren aber meist am Boden. Mathe ging mit der Nachhilfe, Deutsch war eine Katastrophe. Buchstabieren geht, sobald der Stift dazu kam und er sollte etwas schreiben war die Sache gegessen. Das 1 x 1 war eine Katastrophe. Er zählte immer wieder mit den Fingern oder im Kopf. Er konnte sich die Zahlenreihen einfach nicht auswendig merken. Collin war von sich selbst mittlerweile so enttäuscht und hielt sich für schrecklich dumm.

Es kam zu immer mehr Streitpunkten mit seinen Klassenkameraden. Sie wollten nicht mehr neben ihm sitzen, da sein Tisch im besonderen Augenmerk der Lehrerin war. Collin war auch mit den Kopfhörern nicht geholfen. Er sagte immer wieder, es sei zu laut in der Klasse. Manchmal auch unter Tränen. Seine Mitschüler meinten, sie wollen nicht mehr mit ihm spielen, da Collin sich nicht an Regeln halten würde. Collin wiederum versicherte mir, er habe nichts gehört. Er selbst konnte sich das auch alles überhaupt nicht erklären.

Der Höhepunkt

So wurde er also getestet. IQ 106. Mit normalen Standard-Tests. Einige Bereiche seien extrem gut und andere dafür extrem schlecht. Der Test wurde mit Untertests für Kinder mit Migrationshintergrund bzw. Sprachproblemen ausgeweitet. Ergebnis: IQ 122. Damit stark auffällig. Was war los mit Collin? Die Beraterin tippt auf ADS. Ein Träumer. Die Konzentrationsspanne sei extrem nieder. Ob man das durch Training verbessern kann, eher unwahrscheinlich. So war die Aussage. Ich muss ehrlich sagen, ich wollte dieses Ergebnis nicht wahrhaben. Mein Kind hat kein ADS! Monate quälte ich mich, oder besser wir uns, weiter. Bis ich im Herbst aufgab und sagte: „OK, dann hat das Kind wohl tatsächlich ADS. Ich kann einfach nicht mehr!“. Ich war am Ende.

Ich hatte mittlerweile gefühlt nur noch ein Kind und der Rest musste schauen, wo er blieb. Mein Haus: ohne Reinigungshilfe wären wir im Müll ertrunken. Alles war Chaos und ich komplett überlastet. Ich konnte und wollte keine Mutter mehr sehen oder mit ihr reden, nur um zu hören, wie toll ihr Kind ist und was es allen kann. Ich hatte das Gefühl, nur mein Kind kann nichts und ich verstand einfach nicht warum. Er erzählt mir doch so viele unglaublich tolle Sachen. Von Lava und Vulkanen. Von Tieren und deren Lebensraum. Er macht sich sooft tiefsinnige Gedanken um sein Umfeld. Er ist ein ganz toller Kerl, wenn man mit ihm alleine ist. Nur von der Schule, da will er nichts mehr wissen. Er hatte bereits abgeschlossen.

AVWS

Ihr Sohn kann nicht zwischen Nutzschall und Störschall unterscheiden

Der Kinderarzt riet zur Ergotherapie, um herauszufinden, ob er körperliche Probleme mit dem Schreiben hatte. Fehlanzeige. Mein Kind ist körperlich genial. Dann sollte er eine Psychotherapie machen und wir sollten zum SPZ (Spezialpädiatrisches Zentrum). Die Terminwartezeit kann ca. 6 Monate dauern. Den Psychologen konnte ich davon überzeugen uns zügig einzuschieben und nicht erst in 9 Monaten. 

Es fand wieder eine Testung statt. Er kam zu dem Ergebnis, dass Collin absolut kein ADS hat. Aber ihm fiel auf, dass Collin Probleme hat Aufgaben verbal zu verstehen. Das Collin eine ganz eigene untypische Logik aufgebaut hat. Wir sollten dringend wieder zum Päd-Audiologen. Auch hier kam ich Gott sei Dank schnell zu einem Termin. Das Ergebnis für mich total unerwartet: Collin kann ab einer Lautstärke von -2,6 dB (was wirklich nicht sehr laut ist) nicht mehr unter Nutz- und Störschall unterscheiden. Vermutlich wird er sein Leben lang damit leben müssen.

Ich bin aus dem Termin raus und war eigentlich mit den Informationen überfordert. Ich fing an immer wieder zu googeln, um zu erfahren, was das eigentlich nun alles bedeutete. In Worten, die ich verstand. Ich wollte wissen, wie ich meinem Kind erklären kann, was er hat und ich wollte wissen, wie ich ihm helfen kann. Ich fand eine Seite einer AVWS Selbsthilfegruppe. Dort fand ich eine Beschreibung meines Sohnes. Es war so eins zu eins, dass ich einfach nur las und mir die Tränen liefen und ich weiß nicht, ob aus Trauer oder Erleichterung endlich zu wissen, was hier los ist.

AVWS – auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung

Solltest du das Gefühl haben, mein Bericht spricht dich an, weil du dein Leben oder das deines Kindes erkennst und die unten stehenden Symptome treffen (teilweise, aber vermehrt) auch bei deinem Kind zu, darfst du mich gerne kontaktieren. Das Thema AVWS liegt mir sehr am Herzen. Ich möchte meinen Blog dazu nutzen, für mehr Aufklärung und Unterstützung zu sorgen. AVWS betrifft derzeit offiziell lediglich 3 % aller Kinder. Viele Ärzte kennen sich mit dem Thema daher nur selten oder sehr wenig aus. So könnte es sein, dass viele Kinder mit ADS testiert sind, aber evtl. eine AVWS vorliegt.

Ich werde euch weiter auf dem Laufenden halten und euch auch über meine, bis jetzt gemachten Erfahrungen zu AVWS, informieren und mein Wissen mit euch teilen.

Symptome, die im Zusammenhang mit AVWS auftreten können:

1. Verzögerte oder unvollständige Sprachentwicklung.  

2. Schlechtes Zahlenfolgegedächtnis und Zahlenverständnis.

3. Schlechtes Silbengedächtnis

4. Probleme beim Auswendig lernen.  

5. Mündlich gestellte Aufgaben werden nicht richtig verstanden.  

6. Schwierigkeiten mit Diktaten.  

7. Legasthenie als „Folgeerscheinung“.  

8. Schwierigkeiten beim Erwerb von Fremdsprachen.  

9. Nicht den Fähigkeiten entsprechendes Bildungsniveau.

Lest auch meinen neuesten Blog zum Thema AVWS.

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