Ich habe euch in einem weiteren Blog bereits von meiner Tochter berichtet, die über eine Diät magersüchtig (die s.g. Anorexie) wurde. Heute möchte ich von dem Einzug in die stationäre Behandlung und der Therapie berichten. Warum ich das tue? Um anderen Eltern zu helfen, den Mut zu fassen loszulassen. Die Last weiterzugeben an die Profis, denn sie wissen einfach besser was zu tun ist.

Meine Tochter ist seit mittlerweile sieben Wochen in stationärer Behandlung. Sie ging freiwillig, was die Behandlung sicherlich erleichtert. Denn nur wer erkennt, dass er Hilfe benötigt und sie auch annimmt, kann erfolgreich mit den Therapeuten zusammenarbeiten. Die Therapie richtet sich komplett und sehr streng nach einem Belohnungssystem. Einem sogenannten Stufenplan. Für jedes erreichte Kilo gibt es neue Dinge, die alle mit mehr Bewegung und Freiheiten zu tun haben. Das bedeutet natürlich, dass zu Beginn der Therapie einfach alles auf 0 gesetzt wird. Sie startete mit knapp 43 Kilo und war gestern bei 47,6 Kilo.

Es war soweit

Nach dem Vorstellungsgespräch, Ende August, fuhren wir schweigend nach Hause. Keiner hatte damit gerechnet, dass die Aufnahme schon auf den nächsten Tag fallen würde. Wir dachten beide oder besser hofften beide, wir hätten noch mindestens das Wochenende. In meinem Kopf machten die Gedanken Purzelbäume – Was muss ich packen? Was muss noch besorgt werden? Oh Gott, Sie wird mindestens 16 Wochen nicht Zuhause sein! Wird sie Weihnachten überhaupt zuhause sein? Merke: Ich muss im Kalender nachrechnen, wie viel Luft da noch ist. Braucht sie neue Unterwäsche? 

Vom Banalsten bis zum Emotionalsten ging einfach alles in meinem Kopf hin und her. Ich war irgendwie komplett überfordert mit diesen ganzen Informationen. Ich traute mich auch nicht zu fragen, wie es ihr überhaupt damit ging. Immerhin hatte sie zugestimmt in die Klinik zu gehen. Sie wusste, es musste sein. Es war daher irgendwie egal, wie sie sich fühlte, oder? Ich wollte ihren Mut auch nicht durch meine Zweifel zerstören. Also fragte ich nicht.

Wir organisierten kurzfristig, dass einer ihrer Freundinnen über Nacht zu uns kommen konnte. So hatte sie zumindest noch die Chance sich von einer ihrer Freunde zu verabschieden. Um 10 Uhr mussten wir in der Klinik sein. Unser Anfahrtsweg ist kurz. Gott sei Dank. Das erleichtert auch mir die Übergabe meines Kindes an eine Klinik. Ich könnte sie jederzeit und auch kurzfristig „retten“.

Der Einzug in die Klinik

Es gab noch einmal ein etwas längeres Gespräch bei der Aufnahme. Es wurde ein Vertrag zwischen der Klinik und meiner Tochter geschlossen. Eine Zunahme von 100 g pro Tag bzw. 700 g pro Woche wurde schriftlich vereinbart. Das Endziel: 50+ Kilo. Ab hier wird eine Haltephase von vier bis fünf Wochen erfolgen. Hier sollen Körper und Seele dazu gebracht werden im Einklang zu sein und über die Zunahme von Essen selbst zu entscheiden. Also freies essen, wie wir es normalerweise kennen und tun.

Sie kam aus Platzmangel zu Beginn in einen Akut-Bereich ohne offene Türen. Ihre Taschen wurden gefilzt. Die Betreuerin staunte nicht schlecht über die vielen dicken Bücher, die mein Kind mitgebracht hatte. Sie hatte ja nicht vor mit jemanden Kontakt aufzunehmen, also hatte sie ihre besten Freunde und Heiligtümer mitgebracht. Ihr Zimmer teilte sie sich mit einem weiteren Mädchen. Mehr als zwei Betten, einem Doppelschrank, 2 Stühle und einen Tisch gab es nicht.

Die Station bietet einen großen Tisch für alle zum Essen, spielen, quatschen oder einfach herumhängen, sollte man keine Lust haben alleine zu sein. Es gab aber auch ein „Wohnzimmer“, welches aber nicht mit dem Wohnzimmer Zuhause zu vergleichen ist. Alles ist doch eher steril, praktisch und übersichtlich. Es war sehr komisch sie dort zurückzulassen.

Hoffnung, dass alles gut wird. Das brauchen unsere Töchter jetzt.
Unsere Töchter brauchen uns jetzt

Die erste Tage

Schon auf der Fahrt Nachhause liefen mir immer wieder die Tränen und das hörte auch am nächsten Tag nicht so schnell auf. Natürlich habe ich versucht so normal wie nur möglich meinen Tagesablauf zu verrichten, schon alleine wegen meiner beiden Jungs, aber es war schwierig. Gegen 11 Uhr fragte ich meinen Mann, ob er denke, es wäre OK, wenn ich einfach auf der Station anrief und fragte, wie denn die erste Nacht für Chiara so verlaufen sei. Er nickte. Also rief ich an. Ich durfte sogar mit ihr reden.

Ihre Stimme zu hören tat so gut. Sie erzählte mir, wie ihr erster Tag verlaufen war. Alles war anders, alles war geregelt, aber sie fand es gut. Ich hatte das Gefühl, sie war dankbar, dass sie keine Entscheidungen mehr treffen musste. Die letzten Wochen hatten auch sie sehr erschöpft. „Was kann ich essen, wann kann ich essen“ – das waren auch ihre Gedanken den ganzen Tag.

Mein Mittlerer ist 10 und war gerade bei seiner Tante zu Besuch. Er kam am Freitag nach Hause und fing in meinen Armen direkt an heftig zu weinen. Er hatte keine Gelegenheit sich von seiner Schwester zu verabschieden. Am Nachmittag kam eine befreundete Familie zu uns zum Grillen. Ich hatte hin und her überlegt, ob ich das Treffen nicht besser absagen sollte, um in Selbstmitleid zu suhlen. Habe mich dann aber doch dazu durchgerungen alles so zu lassen wie geplant und das war tatsächlich auch gut so! Es hat uns alle abgelenkt und gutgetan. Wir konnten offen reden, konnten lachen und weinen und den Gefühlen einfach einmal freien Lauf lassen.

Wenn einer fehlt…

Am ersten Wochenende durften wir für jeweils 30 Minuten zu Besuch kommen. Wir spielten Gesellschaftsspiele, da Bewegung noch nicht auf dem Plan stand. Sie startete mit der Auffangstufe und 5 Mahlzeiten mit insgesamt 1.800 Kalorien. Zu Hause habe ich noch nicht einmal 1.500 Kalorien in sie hineingebracht. Daher waren für sie 1.800 Kalorien schon ein großer Schritt.

Ich war erstaunt, wie gut sie diese Menge nun bewältigen konnte. Innerhalb von 30 Minuten sind die Hauptmahlzeiten einzunehmen gefolgt von einer Sitz-Zeit von noch einmal 30 Minuten – ohne jegliche Bewegung. Noch nicht mal Finger bewegen. Das stell ich mir persönlich sehr schwierig vor. Die Zwischenmahlzeiten müssen in 15 Minuten gegessen sein ebenfalls mit einer 15-minütigen Sitz-Zeit. Immerhin sei das Essen lecker, meinte sie. Sogar unerwartet gut und vor allem weitaus besser als in der Schule.

Problematisch war allerdings, dass sie trotz Null-Bewegung weiterhin abnahm. Ihr Körper war so ausgemerzt und verbrauchte alle wieder gewonnenen Nährstoffe für seine vorhandenen Baustellen. Bei der üblichen Herzuntersuchung am darauffolgenden Montag war sie bei 43,1 Kilo. Ich hätte am liebsten geheult. Ihr Herz ist Gott sei Dank gesund und schlägt kräftig. Ich hatte meine beiden Jungs mitgenommen, damit sie eine Chance hatte ihre Schwester zu sehen. Noch war Besuch von Geschwistern, Familie oder Freunden offiziell nicht erlaubt. Die Jungs verstanden aber nicht, warum sie nicht einfach wieder mehr essen konnte und nach Hause kommen. Sie fehlte einfach.

Es ging schnell bergauf

Auf der Rückfahrt vom Krankenhaus hatte ich die Jungs zuhause abgesetzt, damit ich in Ruhe mit der Doktorin reden konnte. Meine Tochter war sichtlich irritiert, warum wir zuhause anhielten und alle ausstiegen. Sie hat unser Haus nicht einmal betreten. Sie blieb draußen vor der Haustüre stehen. Es brach mir fast das Herz.

Sie rief nach unserer Hündin, die total irritiert nach ihr suchte. Immerhin kamen sonst alle rein. Sie schaute uns fragend an. Wieder rief meine Tochter nach ihr „Lilly, komme her. Hier bin ich!“ So war meine Tochter aber schon immer. Sich an Regeln zu halten war für sie eine Kleinigkeit, ganz im Gegensatz zu meinen Jungs. In meiner Familie leben viele Kontroversen, die ich auf einen gemeinsamen Nenner bringen muss – nämlich eine Familie zu sein.

Der Kalorienplan wurde nach einer Woche bereits auf 2.100 Kalorien erhöht, damit eine Zunahme überhaupt möglich war. Was dann auch ziemlich gut und schnell passierte. Nämlich in 300 und 400 g Schritten. Ich hatte mich so über die Zunahme gefreut, den Stufenplan studiert und gesehen, dass sie in der Stufe schon für einige Stunden nach Hause durfte. Fleißig trug ich in meinem Kalender schon die Stufen und Belastungserprobungen ein.

Und auch wieder bergab

Aber ich hatte nicht mit der Willensstärke meiner Tochter gerechnet. Denn leider ging ihr das viel zu schnell. Sie diskutierte mit den Betreuern und Ärzten und bekam statt 2 × 10 Minuten nun 2 × 30 Minuten Spaziergang. Sie verlor wieder an Gewicht und fiel von 45,2 Kilo auf 44,2 Kilo in wenigen Tagen. Auch die Belastungserprobung wollte sie noch nicht. Sie wollte nicht nach Hause. Ich hätte heulen können. Ich fühlte mich wie an einen Pranger gestellt. Sie wollte nicht nach Hause!

Der Zusatz-Spaziergang durch die neue Stufe wurde gestrichen, die Zunahme ging wieder in die richtige Richtung. Mittlerweile durfte sie auch Tisch-Kickern für 15 Minuten oder Billard spielen. Musiktherapie, Ergotherapie, Achtsamkeitstherapie, Schulunterricht in der Klinikschule, etc. das alles steht auf ihrem Stufenplan ab 44 Kilo.

Das Smartphone kann für eine Stunde pro Tag genutzt werden. Am Wochenende sogar für 2 × 1 Stunde. Ist ein bisschen wie Kind sein in den 90ern. Komischer Weise geht es. Es entsteht eine tiefe Langeweile, die ich mit weiteren Büchern füllen darf. Kontakt zu anderen nimmt sie noch heute sehr wenig auf.

Der Kalorienplan

Seit zwei Wochen ist der Kalorienplan bei 2.900 Kalorien. Selbst ich hätte Schwierigkeiten so viel zu essen. Nicht wegen der Kalorienzahl an sich, mehr über die Menge der Lebensmittel die nötig sind, um diese Zahl zu erreichen. Besonders wenn man keinen Zucker isst. Das sind Unmengen. Zwei Vollkornbrote mit Frischkäse und Scheibenkäse zum Frühstück um 8 Uhr inkl. einem Frühstücksei und einer Banane.

Um 10 Uhr steht ein Müsli, inkl. Apfel auf dem Plan. Das Mittagessen hat immer 430 Kalorien, davor gibt es eine Suppe und danach 10 Ritz-Kräcker. Nächste Zwischenmahlzeit besteht aus einer Portion Studentenfutter, einem Glas Orangensaft und einer Banane. Das Abendessen ist identisch mit dem Frühstück (außer der Banane). Mal ganz ehrlich, das ist viel! Aber eben alles gesund.

Es zeigt nicht nur meiner Tochter, was wir alles Essen könnten, wenn wir auf Zucker verzichten würden. Leider war ich schon immer ein Kuchenliebhaber und auch die Gummitier-Industrie lebt sicher von meinen Gelüsten ganz gut. Ich esse aber reichlich seltener Süßes seit meine Tochter mir predigt, ob ich nicht besser eine Banane gegessen hätte als die ungesunde Variante einer Milchschnitte. Ich muss zugeben, ich habe manchmal Zeitnot und da ist so eine Milchschnitte eine saubere und schnelle Sache, um meinen Magen zu beschäftigen. Aber klar, sie hat Recht. Die Banane geht genauso schnell zu öffnen und zu essen. Zudem kommt sie nicht in Plastik. Mama hat’s verstanden.

Die Belastungserprobungen

Die letzten drei Wochenenden darf mein Mäuschen auch stundenweise wieder nach Hause. Von 12.30 Uhr bis 18 Uhr bzw. 20 Uhr. Es tut gut sie wieder hier im Haus zu haben. Natürlich unternehmen wir nicht viel. Sind nur im Haus. Wir möchten ja keine Abnahme riskieren, aber sie einfach auf ihrem Platz sitzen zu sehen und sie mit ihrer Freundin Lachen zu hören ist einfach wunderbar.

Als sie das erste Mal 45 Kilo erreicht hatte, wollte sie noch nicht nach Hause. Ich denke, sie hatte noch kein Vertrauen in sich und uns, dass wir die Mahlzeiten hinbekommen, wie es in der Klinik der Fall ist. Man startet aber sanft. Sie bekam das erste Mal die Zwischenmahlzeit komplett mit. Der zweite Besuch war mit Abendbrot. Ich hatte den Essensplan und sie brachte nur das Brot mit. Wie in einem Hotel kredenzte ich ihr ihren Teller. Sie lachte und freute sich. Der dritte Besuch lief wie der zweite. Das kommende Wochenende wird sie über Nacht bleiben können. Sie muss vor dem Mittagessen zurück sein.

Ich bin ganz dankbar, dass auch wir sehr langsam und behutsam auf das Mittagessen hingeführt werden. Diese Mahlzeit macht mir tatsächlich auch Angst, Ich bin unsicher, ob sie sich freinehmen kann was sie essen darf oder möchte. Wobei von möchte sind wir noch weit entfernt. Sie hält sich strikt an ihren Plan. Ich frage mich, ob sie von mir erwartet, das dass ich das Essen so portioniere, wie sie es braucht. Kann ich das? Will ich das? Ich war da schon mal, vor einigen Wochen und vermisse dieses Drama nicht. Ich bin also froh, dass ich noch etwas Zeit habe. Zwei Wochen oder so.

Wir brauchen Freunde, damit wir die Lebenslust spüren.
Freunde sind wichtig – gerade jetzt – sie bringen unseren Töchter Lebensfreude

Meine Tochter kämpft

Mittlerweile ist meine Tochter bei 47,7 Kilo angekommen. Der Kampf gegen die Anorexie hat deutlich begonnen. Eines Abends, sie hatte gerade die 47 Kilo erreicht, erhielt ich verzweifelte Nachrichten. Sie wolle Nachhause, es sei so schrecklich in der Klinik, sie möchte keine 50 Kilo wiegen. Sie würde sonst bald wieder in die Klinik müssen. Es war hart. Ich hatte die Wahl zwischen Mitleid oder hart bleiben. Ich habe mich für die harte Tour entschlossen und ihr mitgeteilt, dass ich sie nicht vorher holen würde und 47 Kilo mir viel zu nah an 45 Kilo seien und wir auch auf dem Weg schon bald wieder in der Klinik wären.

Zudem sind 50 Kilo gesund für sie. Gesund, fit und gerüstet für die Aktivitäten die sie hier bei uns auch wieder erwarten. Mit der Doktorin hatten wir uns darauf geeinigt, dass sie ein Medikament haben darf, wenn ihr das Essen zu schwerfallen würde. Es macht etwas „chillig“. Sie wurde von dem Medikament aber sehr chillig und daher wurde es schon nach einer Einnahme wieder abgesetzt. Sie isst aber weiter. Der Drang nach Hause zu wollen, hilft ihr wohl dabei.

Mein Fazit bis heute

Wir fühlen uns mit der Betreuung durch die Klinik wirklich sehr wohl. Wir werden in alles eingebunden. Nichts passiert ohne unser Einverständnis. Es gibt regelmäßige Treffen, an denen alles besprochen wird, was es zu wissen gibt. Wir können jederzeit unsere Tochter über die Station erreichen und auch sie kann uns über die Station anrufen lassen. Alles ist sehr offen und transparent.

Die Klinik hat unseren Familienalltag stark entlastet. Die Anorexie selbst hat unsere Familie aber auch sehr verändert. Sie nimmt uns alle mit. Jeden einzelnen von uns. Wir sehen vieles anders. Gehen mit Essen ganz anders um. Wir sehen die Rollen und die Wichtigkeit jedes einzelnen in unserer Familie in einem anderen Licht.

Oft sitze ich auf dem Bett meiner Tochter und schaue mich um. Ich sehe sie überall. Die kleinen Zettel, ihre Malstifte, ihr digitales Zeichenboard, ihre Bücher und Filme. Es ist ein sehr komisches Gefühl, zu wissen sie ist nur 7 km entfernt und dennoch nicht greifbar. Ich weiß auch, dass meine Tochter nie mehr so sein wird, wie sie mal war. Alle diese Erlebnisse prägen uns für unser Leben. Mir bleibt nur zu hoffen und zu beten, dass die Veränderung eine gute sein wird. Für uns alle.

Ergänzung

Ich habe eben eine Blog von einer anderen Mutter gelesen. Sie hat sehr schlechte Erfahrungen in einer anderen Klinik gemacht. Sie wurden von ihrem Kind getrennt. Die Kalorienzahlen wurden viel zu niedrig angesetzt und nicht schnell genug erhöht. Dieser Blog hat mir gezeigt, wie viel Glück wir haben, dass unsere Klinik nicht so arbeitet. Aber es zeigt mir auch, und daher teile ich den Link zu dem genannten Blog, das es ganz anders laufen kann.

Ich werde wohl noch einen weiteren Blog am Ende der Therapie schreiben. Bis dahin wünsche ich allen Betroffenen Eltern viel Mut zu einer guten Entscheidung und viel Kraft für einen langen Weg. Wir schaffen das!

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