AVWS Melanie Stadelbauer

Ein Erfahrungsbericht von Melanie Stadelbauer aus Bayern

Mein Sohn Michael hatte schon immer Schwierigkeiten mit der Sprache. Als er die ersten verständlichen Wörter gesprochen hat, war er bereits 22 Monate alt. Im Kindergarten wurde er kaum verstanden und auch in der Schule bekam er schnell Schwierigkeiten. Seine Aussprache verbesserte sich zwar mit zunehmendem Alter, wir haben jedoch die Auswirkungen der AVWS auf allen Ebenen unseres Lebens zu spüren bekommen. Hier erzähle ich euch unsere Geschichte über den Weg zur AVWS Diagnose.

Michi im Kindergarten

Der erste Kindergarten, damals noch in Oberbayern, schlug bereits Alarm, als Michi knappe vier Jahre alt war. Damals hieß es, dass er wohl eine visuelle Wahrnehmungsstörung hätte. Eine Testung bei unserer damaligen Kinderärztin ergab, dass er zwar ein wenig hinterherhinkt, aber immer noch alles im grünen Bereich ist. Wir sollen uns keine Sorgen machen und die anstehende Augen-OP (wegen Schielens) abwarten. Danach würde er sowieso erst Ergotherapie bekommen, bis er sich daran gewöhnt haben würde normal zu sehen. Der Rest würde nachziehen.

Sechs Monate später sind wir nach Berlin umgezogen. Hier war er, mangels freier Kita-Plätze, erst einmal für ein halbes Jahr Zuhause. Ab August ging er dann wieder in einen Kindergarten. Dort wurde schon nach ein paar Wochen Alarm geschlagen. Er spricht zu schlecht, seine ganze Wahrnehmung würde nicht stimmen. Sind wir also wieder zum Kinderarzt und haben zumindest eine Logopädie verordnet bekommen.

Doch die war nach nur drei Monaten zu Ende und hat, um ganz ehrlich zu sein, auch nichts mehr gebracht. Die Logopädin hatte zwar einen echt guten Job gemacht, aber sie machte eben nur die Übungen, die auch im Vorschulunterricht gemacht wurden. Daher war es Michi schnell langweilig. Neue Ideen hatte sie leider auch nicht. Sie meinte lediglich, es würde viele Schulkinder geben, die weitaus schlechter sprechen würde als er.

Aber der Kindergarten ließ nicht locker und so bin ich im Sommer mit ihm noch einmal zum Kinderarzt. Aber auch jetzt hieß es wieder, dass alles OK ist und er keine Wahrnehmungsstörung (AVWS) hat. Dann kam die Einschulung und alles versank im reinsten Chaos.

AVWS von Michi

Der Start in die Regel-Grundschule

Michael war gerade 6 Jahre alt geworden, als er in die Schule gekommen ist. Eigentlich viel zu früh, er hätte dringend noch ein Jahr gebraucht und vor allem eine vernünftige Therapie. Aber gut, wir mussten mit dem zurechtkommen, was wir hatten: nämlich NICHTS! Und dann gingen die Probleme erst so richtig los.

In der Schule z.B. fiel er von Anfang an wegen seiner Konzentrationsschwäche auf. Ständig in Bewegung und leicht ablenkbar macht er den Alltag seiner Mitmenschen um ihn herum nicht gerade einfach. Er konnte verständlicherweise nicht stillsitzen, wie vermutlich 95 % aller Erstklässler, und war von der großen Klasse völlig überfordert. Er hatte mir oft gesagt, dass es ihm zu laut ist und, wie wir später erst erfuhren, das er oft beim Spielen draußen eingeschlafen ist.

Die Reaktion der Kinderärztin war eine Überweisung zu einer Psychiaterin, die ihm ohne ausreichende Untersuchung eine hochgradige ADHS diagnostizierte. Wir sollten möglichst sofort mit Ritalin beginnen und ihn zu einer „Komplex-Therapie“ in ihre Praxis geben. Er würde da alles bekommen, was er braucht.

Weitere Testungen

Was mir damals aber schon komisch vorkam, war die ganze Art und Weise, wie die Testung durchgeführt wurde. Eine Logopädin, die mir sagte, dass er ein ganz normales Kind sei, eine Psychotherapeutin, die einen IQ-Test und Konzentrationstest mit ihm gemacht hatte ohne auch nur einmal zu versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen. Der IQ-Test hätte eigentlich nicht gewertet werden dürfen, da die Differenz zwischen den einzelnen Testbereichen zu groß war. Sprich, er war in einem Bereich überdurchschnittlich und ich einem anderen Bereich gerade noch im Normalbereich (sehr grenzwertig). Dennoch wurde der Test gewertet.

Unsere Reaktion darauf war, dass wir ihm kein Ritalin gegeben haben und stattdessen auf eigene Faust noch einmal eine Testung bei einer Ergotherapeutin machen ließen. Wir haben den Kinderarzt gewechselt und schlicht und ergreifend gehofft, dass der neue Arzt unser Spielchen mitspielt. Wir hatten Glück, er fand die Verordnung von Ritalin auch als voreilig und befürwortete unseren Weg mit der Ergotherapie.

Der Schulwechsel

1,5 Jahre später sind wir zurück nach Bayern gezogen. Dort konnten wir ihn, bedingt durch den Umzug, die zweite Klasse freiwillig wiederholen lassen. Das war auch zwingend notwendig, denn durch die ganze Überforderung hat ihm viel zu viel Stoff gefehlt. Er hätte den Sprung aus einer Berliner 2. Klasse in eine bayrische 3. Klasse nicht geschafft.
Doch trotz der ganzen Bemühungen der Lehrer hat Michael nicht wirklich in das Schulsystem hineingefunden.

Die ständige Überforderung spürte man auf allen Ebenen. Hausaufgaben wurden verweigert, freiwilliges Lernen – Fehlanzeige! Seine Schulsachen hatte er so gut wie nie zusammen, Hausaufgaben hat er schlichtweg versteckt oder behauptet, dass er sie in der Schule vergessen hat. Seine Rechtschreibung war katastrophal und lesen konnte er nur mit großer Anstrengung.

Kopf- und Bauchschmerzen wurden immer stärker und häufiger, er hatte eine kindliche Inkontinenz und wurde schnell aggressiv. Gruppensport hatte er vermieden wo es ging, war viel alleine und viel draußen an der frischen Luft. Immer dort, wo es schön ruhig war.

Alle sagten, er habe ADHS

Wir waren völlig verzweifelt. Wir starteten eine neue Testreihe. Diesmal in Augsburg. Nach zwei Sitzungen sollten wir ihn für mehrere Monate stationär im Krankenhaus lassen. Das haben wir verweigert, so schlimm war es ja nun auch wieder nicht. Ich habe damals auf eine ambulante Testung bestanden. Und Zack, hatten wir innerhalb weniger Sitzungen wieder die Diagnose ADHS. Wieder ohne ausreichende Untersuchung, wieder keine Ausschlussdiagnostik. Mich hat das zwischenzeitlich so angekotzt, sorry für die Ausdrucksweise, dass ich mich mit der Klinikleitung angelegt habe.

Erst, als ich ihr sehr deutlich zu verstehen gab, dass ich sehr wohl weiß, welche Rechte wir haben und was die Voraussetzungen für eine ADHS-Diagnose sind, ist sie eingeknickt. Ich musste soweit gehen, dass ich ihr mit der Ärztekammer gedroht habe. Aber scheinbar hat das geholfen. Noch am selben Tag kam ein Anruf einer anderen Sonderpädagogin, wegen eines Termins für weitere Testungen. In den folgenden Wochen wurde Michael noch auf eine Störung im Autismus-Spektrum getestet. Dieser Test fiel negativ aus.

Allerdings ist der zuständigen Sonderpädagogin Michis schlechtes Sprachverständnis aufgefallen und hat ihn zusätzlich von einer Sprachpädagogin anschauen lassen. Diese wurde ebenfalls hellhörig und hat ihn auf eine Sprachentwicklungsstörung hin getestet. Und siehe da, endlich hatten wir ein erstes Ergebnis, das auch zu seiner Symptomatik passte: Eine Sprachentwicklungsstörung!

Die AVWS Diagnose

Die empfohlene Therapie war eine Logopädie, um sein Sprachverständnis zu trainieren. Diese war laut der Testung deutlich unterhalb des Normbereichs. Er könne sich auch nicht annähernd das merken, was er sich in seinem Alter merken können sollte. So kam Michi auf nur zwei Wörter in Folge, danach war Schluss. Jeder Störschall brachte ihn sofort aus der Konzentration. Doch so einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, war es dann doch wieder nicht. Unser Kinderarzt konnte Michi keine Logopädie verordnen. Die Krankenkasse würde diese, aufgrund seines Alters, nicht mehr übernehmen.

Allerdings ist unser Kinderarzt eine Person die wirklich versucht zu helfen und hat uns daher zu einem Pädaudiologen geschickt. Mit der Hoffnung, dass die dort durchgeführte Testung ausreichen wird, um eine AVWS zu diagnostizieren. Denn dann wären die Voraussetzungen für eine Logopädie auch in seinem Alter gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war Michi knapp 10 Jahre alt.

Und dann kam endlich die große Erleichterung: Unser Pädaudiologe konnte ihm sofort eine AVWS bestätigen.Wir bekamen eine Verordnung für Logopädie. Die Schulpsychologin hatte sich eingeschaltet und einen Test auf LRS durchgeführt. Diese wurde ihm zwar nicht bestätigt, jedoch hatte er eine isolierte Rechtschreibschwäche. Das verhalf ihm zumindest für die Rechtschreibung zu einem Nachteilsausgleich. Endlich hatte er in der Schule wieder eine Chance – so dachten wir zumindest.

AVWS Kinder in der Schule

Der Wechsel zur hörgeschädigten Schule

Michael ist immer schwieriger geworden, bis er irgendwann die Schule fast vollständig verweigert hat. Er bekam bereits mit 9 Jahren eine Migräne diagnostiziert, die sich immer weiter verschlimmerte. Von der Schulpsychologin bestärkt, haben wir Michael dann im November 2017 in Nürnberg im Zentrum für Hörgeschädigte vorgestellt.

Die Schulleiterin war sehr freundlich, hat uns und unsere Sorgen ernst genommen. Sie konnte jedes Problem, welches wir mit Michi hatten, mit der AVWS in Verbindung bringen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Michael hat direkt im Anschluss an unser Gespräch an einem Probe-Unterricht teilgenommen und war bereits nach einer Woche an der Schule wie ausgewechselt.

Kein Mobbing durch andere Schüler, er hat seine Hausaufgaben gemacht und ist zum ersten Mal seit langem wieder gerne in die Schule gegangen. Die dort durchgeführten Tests ergaben, dass er in sechs von neun getesteten Bereichen auffällig war und ein Bereich war sogar grenzwertig. Nur zwei Bereiche waren unauffällig. Das hat mich schon sehr zum Nachdenken gebracht.

Wir haben den offiziellen Wechsel in die Schule für Hörgeschädigte noch vor Weihnachten in die Wege geleitet. Mittlerweile bekommt Michael zwar etwas Pflanzliches, um die Konzentration zu steigern und den Schlaf zu fördern, jedoch sind wir weit davon entfernt, ihm Ritalin oder Medikinet zu geben. Bitte versteht mich nicht falsch, ich verurteile niemanden, der diese Medikamente als letzten Ausweg sieht. Ich bin einfach der Meinung, dass man nicht allem nachgeben sollte, was andere möchten, nur weil es Ärzte oder Therapeuten sind oder Lehrer, die von Kindern mit Auffälligkeiten überfordert sind.

Mein persönliches Fazit

Ich bin davon überzeugt, dass Eltern, die ihrem Herzen folgen, auch den passenden Weg für ihre Kinder finden können. Niemand kennt sein Kind so gut, wie die Eltern. Ob die Entscheidungen, die wir treffen, immer die Richtigen sind, werden wir oft erst im Nachhinein feststellen. Jedoch kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass es euren Kindern sehr viel bedeutet, wenn ihr euch als Eltern für diese stark macht, für sie kämpft und nicht nachgebt, nur weil Ärzte nicht weiterwissen.

Eine AVWS wird leider immer noch viel zu selten diagnostiziert, da die Symptome denen einer ADS/ADHS sehr ähnlich sind. Es wird häufig aus Verlegenheit heraus, oder weil es schlichtweg einfacher ist, eine ADS/ADHS diagnostiziert. Deshalb habe ich dieses Thema hier auch so hervorgehoben.

Gebt nicht auf! Wenn ihr mit der Diagnose für eure Kinder nicht einverstanden seid, dann kämpft! Kämpft für euer Kind, für die richtige Behandlung und dafür, dass sie die Chance auf eine ordentliche Schullaufbahn haben. Das es sich lohnt, können viele Eltern, die vor dieser enormen Herausforderung stehen, eine Diagnose zu bekommen, bestätigen.

Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr mich gerne kontaktieren oder hier einen Kommentar hinterlassen.

Eure  Melanie Stadelbauer

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