Am Freitag vor meinem Geburtstag erhielt ich einen Anruf. Zuerst dachte ich, dass mir jemand ein Fernsehabo verkaufen möchte oder eine Zeitschrift. Ich konnte mit den Namen „Filmpool.de“ nichts anfangen. Aber als Anu, die nette Dame am anderen Ende der Leitung, mich zu meiner Tochter und meinem Blog befragte, wurde ich stutzig. „Kennst du den Nachmittags-Talk mit Marco Schreyl?“ fragt sie mich. Ich antwortete sehr ehrlich: „Nein, das sagt mir leider nichts.“

Nicht, dass man mit drei Kindern und vier Hunden sowieso nicht zum Fernseh-Junky werden kann, ich hatte für das Fernsehprogramm recht wenig übrig. Evtl. schau ich mir mal noch Maybrit Illner an, wenn mich gerade ein politisches Thema interessiert, die Kinder im Bett sind und vor allem, weil ich weiß, dass ich danach auf alle Fälle gleich einschlafen kann.

Will ich wirklich ins Fernsehen?

Anu klärte mich auf, dass sie mich gerne für den kommenden Dienstag (19.05.2020) in die Sendung einladen würde. Es ginge um das Thema Magersucht. Die Sicht der Mutter. Sie hätte meinen Blog gefunden und eigentlich wäre der Gästeblog schon voll, aber meine oder besser unsere Geschichte würde einfach sehr gut in die Sendung passen.

Irgendwie fühlte ich mich total geehrt aber auch total überrumpelt. Ich musste auf alle Fälle darüber nachdenken. Wer kommt schon einfach so ins Fernsehen? Und wer bekommt so eine Chance über solch ein wichtiges Thema zu sprechen? Aber ich? Könnte ich das? 1000 Fragen und ein komisches Bauchgefühl. Anu gab mir bis zum nächsten Tag, um mich zu entscheiden.

Chiara sollte mitentscheiden

Irgendwie erhoffte ich mir eine dicke Abfuhr von meiner Tochter. Sicher würde sie sagen ich spinne und ich solle auf keinen Fall unsere Familiengeschichte ins Fernsehen bringen. Mit dieser Vorstellung ging ich in ihr Zimmer und erzählte ihr von dem Anruf.

Sie war alles andere als abgeneigt. „Wenn wir anderen helfen können mit dem Auftritt in der Sendung, dann solltest du das tun“ sagte sie. Ich war mehr als baff. Manchmal war meine Tochter so reif und bei anderen Dingen wieder so weit hinter ihrem biologischen Alter. Hätte sie mit gemusst in die Sendung, wäre die Antwort aber sicher anders ausgefallen.

Chiara wollte die Fragen wissen. Sie wollte wissen, was genau erzählt werden sollte und sie wollte nicht genannt werden. Bei einem weiteren Gespräch meinte sie „du kannst meinen Namen ruhig sagen, keiner meiner Freunde und Leute in meinem Alter kennen oder schauen diese Sendung“. Wie beruhigend dachte ich mir. Sagte aber nichts.

630.000 Zuschauer

Am Dienstag fuhren wir gegen Mittag Richtung Köln ins Aufnahmestudio. Die Sendung Startete um 16 Uhr. Bis dahin dachte ich, ich wäre ein Gast in der Sendung und wir würden die ganze Stunde dort sitzen. Es stellte sich aber heraus, dass es einen Durchlauf geben sollte und die Gäste meist wechseln.

Neben mir waren noch das Plus-Size Model Steven Martin, Influencerin Antonia Elena, Ex-Skiweitspringmeister Sven Hannawald, Schauspieler Danilo Cristilli von Köln 50667 und Stefan Effenberg zu Gast. Mit Sven Hannawald und Stefan Effenberg habe ich leider keinen einzigen Satz gewechselt. Wir anderen haben uns Mut gemacht, bzw. sie haben mir Mut gemacht, da sie mehr TV-Erfahrung hatten als ich.

Die Sendung „Marco Schreyl“ wird von rund 630.000 Zuschauern am Tag gesehen. Ausgestrahlt wurde sie seit Anfang des Jahres von Montag bis Freitag und ging Ende Mai in die Pause (vielleicht für immer). Ist jetzt nicht ganz sooo viel an Zuschauern, aber es sind sicher einige mehr, als täglich auf meinen Blog oder einer meiner Social Media Accounts vorbei kommen.

My 15 Minutes of Fame

Ich war tatsächlich der erste Gast. Mit mir fing die Sendung an und ich saß am längsten. Schade fand ich, dass Marco Schreyl sich vor der Sendung nicht Zeit genommen hatte, seine Gäste kennenzulernen bzw. ein bißchen zu plaudern. So hätten wir schnell klären können, was die Dinge sind, die ich gerne loswerden wollte und wie meine Einstellung zu diesem Thema ist.

Was mich allerdings wirklich irritierte, waren die verschiedenen Absprachen über die Message dieser Sendung. Anu und ich waren auf einer Wellenlänge. Eltern Mut zu machen, sich so früh wie nur möglich Hilfe von außen zu holen, um ihrem Kind zu helfen.

Vor dem Studio wurde noch ein Briefing vorgenommen, bei diesem wurde mir klar gemacht, dass die Message lauten sollte „böse Modebranche, ihr müsst euch alle ändern“. Marco Schreyl selbst lies mir dann wieder eine andere Message zukommen: Das Eis ist Schuld!

Vieles blieb leider ungesagt

Ich blieb bei meiner Message. Alles andere wäre mir falsch vorgekommen. Allerdings wird einem ja immer wieder das Wort genommen und Fragen gestellt, die nicht dass beantworten, was einem Wichtig ist. Leider bekommt man auch das Ende seiner Live-Zeit nicht vorher angekündigt. Man merkt den Rauswurf erst, wenn man mitten in der Verabschiedung steckt.

Ich hätte so gerne noch mehr über die Klinik erzählt und darüber wie es Chiara erging und auch uns Zuhause. Auch über die Zeit danach. Was sich alles änderte bzw. wie das Leben mit einem Anorexie-Kind verläuft. Welche Probleme der Alltag bringt. Wie sehr es die Flexibilität einschränkt und das Thema Essen immer ein Thema ist und bleibt.

Aber ich bin dankbar für die Möglichkeit die mir gegeben wurde, um unsere Geschicht zumindest ansatzweise zu erzählen und vorallem auch die Mutter bzw. die Familie zu vertreten. Meist werden nämlich nur die Essgestörten gesehen. Der Rest der Familie ist allerdings auch stark betroffen. Jeder Einzelne in der Familie leidet unter und mit dieser Krankheit.

Wer mehr dazu lesen möchte und was es mit dem Eis auf sich hat, darf gerne meine Blogs: Meine Tochter hat Anorexie, Anorexie nach dem Klinikaufenthalt und Der Tag an dem die Anorexie bei uns einzog zum Thema Anorexie lesen.

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